Dr. Henning Rosenkötter
Dr. Henning Rosenkötter

Lesen und Schreiben

Angeregt durch die Zusammenarbeit mit Dr. Dipl.-Psych. Fritz Jansen und Dipl.-Psych. Uta Streit hatte ich angefangen, mich mit der Behandlung und Förderung von Kindern mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten Gedanken zu beschäftigen, und besonders auch mit der Beratung ihrer Eltern. Uta Streit und Fritz Jansen haben ihre Erfahrung und ihr Wissen zusammengefasst in dem Buch Lesen und Rechtschreiben lernen nach dem IntraActPlus-Konzept

Meine eigenen therapeutischen Erfahrungen, die Suche nach den Ursachen und ein Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mündeten damals in meinem Buch Neuropsychologische Behandlung der Legasthenie (1997) und dem Beitrag Neurologische Grundlagen der Legasthenie in: Schöler, Welling (Hrsg.): Sonderpädagogik der Sprache, Hogrefe, Göttingen (2007).

Ein Teil der betroffenen Kinder hat eine genetische Prädisposition zur Legasthenie. Andere Kinder haben Schreib-Leseschwierigkeiten aus sozialen Gründen, wegen schlechter Lernbedingungen und unzureichenden pädagogischen Methoden. Trotz aller Forschungsbemühungen und trotz aller pädagogischen Anstrengungen nimmt die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit unzureichenden Lese- und Schreibfähigkeiten eher zu. Daran ändert sich auch wenig, wenn man die verbesserten Bedingungen einer frühen pädagogischen oder psychologischen Beratung bedenkt. Immerhin zeigen einzelne Arbeiten, dass sich unter gelingenden Förder- und Therapiebedingungen auch eine Verbesserung der neuropsychologischen Funktionen ergeben kann (Temple et al. PNAS 2003; Hasko, Groth, Bruder, Bartling & Schulte-Körne, 2014).

Gesichert erscheint, dass bei einem Teil der Kinder Funktionen der auditiven Wahrnehmung, Funktionen der visuellen Wahrnehmung (insbesondere das Bewegungssehen: Schulte-Körne, Bartling, Deimel, Remschmidt, Visual evoked potentials elicited by coherently moving dots in dyslexic children, Neuroscience Letters, 357, 2004; Schulte-Körne, Bartling, Deimel, Remschmidt, Motion-onset VEPs in dyslexia - Evidence for visual perceptual deficit, Neuroreport 15, 2004) und die Verknüpfung von gesehenen Buchstaben mit den entsprechenden Lauten (Graphem-Phonem-Kopplung) gestört sind. Zahlreiche Therapieverfahren, die auf eine Therapie isolierter Wahrnehmungsfunktionen zielen, haben die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Dazu gehören u.a. solche Verfahren, die von der Vorstellung ausgehen, dass der Legasthenie ein Defizit in basalen Wahrnehmungsleistungen zugrunde liegt. Basale Leistungen der auditiven Wahrnehmung sind z.B. die Lautstärkeunterscheidung, die Tonhöhenunterscheidung,die zeitliche Verarbeitung, die Beidohrigkeit, die Lautheitsunterscheidung und die Lücken-Erkennung. Es zeigte sich, dass die meisten Funktionen sehr wohl durch Übung zu verbessern sind, dass die verbesserten Leistungen jedoch keinen Transfer in die übergeordneten komplexen Lernleistungen des Lesens und Schreibens fanden.

 

Eigene Erfahrungen mit dem Hörtraining (Geräte der Fa. Audiva) zeigen, dass das alleinige Hören von akustisch veränderter Musik über Kopfhörer einzelne Funktionen gestörter auditiver Wahrnehmung verbessern kann (Lautheitsempfindung bei Geräuschüberempfindlichkeit, Beidohrigkeit, Lautunterscheidung), jedoch keinen Effekt auf Lernleistungen hat. Erst dann, wenn Lesen oder Buchstabieren über Mikrofon hinzugefügt werden, können sich auch Leseleistungen verbessern. Somit bestätigt sich: Lesen lernt man durch lesen, das Schreiben durch schreiben.

Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten

Vorbeugende Maßnahmen erscheinen vielversprechend: Wenn es gelänge, Kinder mit hohem Risiko für die Entstehung von Lese-Rechtschrteibschwierigkeiten vor der Einschulung zu identifizieren, könnte man sie vielleicht gezielt fördern. Neue Hoffnung gab es, als das Bielefeld Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC) veröffentlicht wurde (2. Auflage 2002).

Der BISC untersucht folgende Leistungsbereiche: Phonologische Bewusstheit, Schneller Abruf aus dem Langzeitgedächtnis, Phonetisches Rekodieren im Kurzzeitgedächtnis, Steuerung visueller Aufmerksamkeit.

 

Leider hat der BISC die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt: zu viele Kinder werden als Risikokinder identifiziert und die Zahl der nicht erfassten "Risikokinder" ist zu hoch (Rosenkötter: Studie zur Früherkennung von Legasthenie, Forum Logopädie 18, 2004). Aus ethischen Gründen wäre es nicht zu verantworten, wenn man Kinder ohne erhöhtes Risiko fördert und andererseits Kinder nicht fördert, die ein falsch-negatives Ergebnis im Test aufweisen. Dazu gehören u.a. Kinder, bei denen im Rahmen einer logopädischen Behandlung einzelne Bereiche der phonologischen Bewusstheit gut geübt sind und dennoch später Lese-Rechtschreibschwierigkeiten bekamen.

 

Im Rahmen einer Arbeitsgruppe "Sprachförderung" in der Stadt Freiberg am Neckar haben wir den Baustein "Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten" eingebaut (siehe Baustein 4 in Sprachförderung).

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