Auditive Wahrnehmung

Unter auditiver Wahrnehmung versteht man die Gesamtheit aller zentralnervösen Prozesse, die der Erfassung, der Weiterleitung und der Verarbeitung von akustischen Signalen dienen.

 

Die auditive Wahrnehmung geschieht im Gehirn
- durch aufsteigende Signalverarbeitung (Bottom-up-Prozesse) in der zentralen Hörbahn, auf verschiedene Zellformationen und Leitungsbahnen verteilt, serial und parallel verarbeitend, mit zunehmender Komplexität der Verarbeitung.
- durch absteigende Verarbeitungs- und Lernprozesse (Top-down-Prozesse) wie Vigilanz, Aufmerksamkeit, Emotion und Gedächtnis.

Manche dieser Funktionen beginnen bereits im Innenohr (Cochlea). Als Verarbeitung werden oft die Weiterleitung und die basale Verarbeitung in der Hörbahn bezeichnet, während Wahrnehmung als ein Teil der kortikalen Analyse auditiver Informationen gesehen wird. Den Funktionen der Sinnesaufnahme, der Weiterleitung und den kognitiven sowie emotionalen Prozesse können keine abgegrenzten anatomischen Strukturen zugeordnet werden. Ich spreche daher nur von auditiver Wahrnehmung.


Zur auditiven Wahrnehmung gehören

  • die Analyse nichtsprachlicher Signale (Töne, Geräusche)
  • die Analyse sprachlicher Signale auf der Ebene von Lauten und Silben
  • die phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne.


Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne: Fähigkeit, Sprache als aus unterschiedlichen lautlichen Einheiten bestehend wahrzunehmen. Sie entwickelt sich meist erstim Laufe des Erlernens von Schreiben und Lesen.
Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne: Wahrnehmung auf der Ebene von Silben, Reimen und Wörtern. Sie entwickelt sich meist unbewusst schon im Vorschulalter.
Ob die Phonologische Bewusstheit eine Teilfunktion der Auditiven Wahrnehmung ist, ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Weitgehende Einigkeit besteht darin, die Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne zur Auditiven Wahrnehmung zu rechnen.

Die auditive Wahrnehmung zeigt fließende Übergänge zum Sprachverständnis und zur Kognition und damit zum Lernen. Unscharf definiert ist auch die Grenze zwischen auditiver Verarbeitung und auditiver Wahrnehmung. Die Autoren der American Speech and Hearing Association (ASHA) sprechen von Auditory Processing Disorder (APD) und verstehen darunter "...Deficits in the processing of auditory information in the central nervous system (CNS) as demonstrated by poor performance in one or more of the following skills: sound localisation and lateralisation; auditory discrimination; auditory pattern recognition; temporal aspects of audition including temporal integration, temporal discrimination (e.g., temporal gap detection), temporal ordering, and temporal masking; auditory performance with competing acoustic signals (including dichotic listening); and auditory performance with degraded acoustic signals" (ASHA -Working Group on Auditory Processing Disorders (2005a): (Central) Auditory Processing Disorders (Position Statement). Damit wird auditive Verarbeitung im Wesentlichen als die Erfassung, Weiterleitung und Analyse akustischer, nichtsprachlicher Signale verstanden. Von dieser sehr restriktiven Definition unterscheidet sich die Leitlinie der kalifornischen Speech-Language-Hearing Association (2007) durch einen eher klinischen und pragmatischen Ansatz.

Die
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie DGPP (2010) sind der Ansicht, dass die Verarbeitung und die Wahrnehmung sprachlicher Signale einen wesentlichen Teil der Funktionen auditiver Wahrnehmung darstellt (siehe dazu auch Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie).

Die auditive Aufmerksamkeit und  das phonologisches Arbeitsgedächtnis sind keine auditiven Wahrnehmungsleistungen sondern eine Voraussetzung hierfür. Ähnlich wie bei der Sprachentwicklungsstörung gehen die neurobiologischen Modelle davon aus, dass das Arbeitsgedächtnis eine eigene Funktion oder einen Teil der top-down-Regulation darstellt. Dafür spricht auch, dass das Arbeitsgedächtnis im Rahmen eine Wahrnehmungstherapie nicht als isolierte Funktion geübt werden kann. Die Gedächtnisfunktion spielt jedoch in der auditiven Wahrnehmung eine solch bedeutsame Rolle, dass sie im Rahmen der Diagnostik immer miteinbezogen werden sollte.

Funktionen der auditiven Wahrnehmung

Die auditiven Wahrnehmungsfunktionen sind äusserst vielfältig und komplex. Ihre Verarbeitung erfordert unterschiedliche kognitive Fähigkeiten und Aufmerksamkeit. Eine anatomische Lokalisation gelingt oft nur unbefriedigend. Mehrere Funktionen werden in unterschiedlicher Weise für das Sprachverständnis genutzt. Trotz der hohen Komplexität haben wir versucht, tabellarisch eine Übersicht über die wichtigsten Funktionen zu erstellen und die Auswirkungen einer Störung auf den Alltag zu skizzieren.

Wichtige Funktionen sind

  • die Lautheitsempfindung,
  • die Lautstärkeunterscheidung,
  • die Tonhöhenunterscheidung,
  • die zeitliche Verarbeitung,
  • die Beidohrigkeit,
  • die Lautunterscheidung
  • die Störschall-Nutzschall-Separation.


Eine tabellarische Darstellung der Funktionen der auditiven Wahrnehmung finden Sie unten.
 

Symptome einer auditiven Wahrnehmungsstörung

  • Geräuschüberempfindlichkeit,
  • Verwechseln oder Vertauschen ähnlich klingender Laute,
  • mangelhaftes Lokalisieren einer Schallquelle,
  • mangelhaftes Sprachverständnis bei lautem Geräuschhintergrund,
  • Überhören von Ansprache,
  • schlechtes Sprachverständnis bei schnell gesprochenen Sätzen,
  • mangelhafte Fähigkeit von Lauterkennung, Lautunterscheidung und Lautverschmelzung,
  • visuelle Informationen werden bevorzugt und leichter verarbeitet als akustische,
  • Abhängigkeit vom Mundbild beim Verstehen von Sprache,
  • Schwierigkeiten beim Telefonieren aufgrund der reduzierten akustischen Signalqualität,
  • sekundäre psychische Symptome, z. B. schweigende und sozial unsichere Kinder und Jugendliche
  • Schul- ud Lernverweigerung.


Definition einer Störung der auditiven Wahrnehmung

  • Mindestens zwei Funktionen der auditiven Wahrnehmung sind außerhalb der alters- und geschlechtsabhängigen Normen
  • Die Störung verursacht alltagsrelevante Beeinträchtigungen


Verwandte Begriffe: Hörverarbeitungsstörung, zentral-auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (ZAWVS), zentrale Hörstörung, zentrale Fehlhörigkeit, Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS).

 

Vielfach liegen Störungen nur einzelner Funktionen vor (z. B. eine Störung des Richtungshörens, eine Störung der Lautheitsempfindung oder eine Störung der Störgeräuschunterdrückung).

 

Einzelne Funktionen der auditiven Wahrnehmung sind bei manchen Entwicklungsstörungen und neurologischen Erkrankungen gestört, wie z. B. bei Kindern mit einer Intelligenzminderung, bei Kindern mit einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES), bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibstörung (LRS) oder anderen Lernstörungen, bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS), bei Kindern mit einer Störung der emotionalen Entwicklung und bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen.

 

Defizite in den auditiven Verarbeitungsfunktionen oder in Funktionen phonologischer Verarbeitung sind jedoch bei diesen Krankheits- und Störungsbildern nicht obligat und ihre Rolle ist unklar. Deshalb sind die entsprechenden Krankheits- und Störungsbilder diagnostisch zu benennen, nicht fälschlich als eine „Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung“ zu bezeichnen.

Wahrnehmung, Qualitätspapier der Dt. Ges. für Sozialpädiatrie, 2017
QZ-Wahrnehmung-2017.pdf
PDF-Dokument [611.4 KB]
Funktionen der Auditiven Wahrnehmung
Tabelle Funktionen AW.pdf
PDF-Dokument [83.1 KB]
Diagnostik bei Auditiver Wahrnehmung
Diagnostik bei V.a. AW.pdf
PDF-Dokument [86.3 KB]

Bücher und Informationen:

 

Henning Rosenkötter: Auditive Wahrnehmungsstörungen, Klett-Cotta, 2003
Gerhard Böhme: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, Huber, 2006
Alexandra Ludwig: Psychoakustische und elektrophysiologische Untersuchungen zu zentral-auditiven Verarbeitungsstörungen während der Kindesentwicklung, Leipzig, 2010

Andreas Nikisch, Dolores Heber & Jutta Burger-Gartner: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) bei Schulkindern, verlag modernes lernen, 2010
Henning Rosenkötter:
Motorik und Wahrnehmung im Kindesalter, Kohlhammer, 2012

Homepage der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Auditive Wahrnehmung" in Stuttgart

Arbeitsgruppe Auditive Wahrnehmungs- und Sprachstörungen bei Jugendlichen im Berufsbildungswerk Leipzig

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